«Brasilien will liefern»: Und deutsche Neubesinnung auf Brasilien
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Nicht wenige Messen haben ein Konzept für ein Gastland. Es wird dann kommunikativ hervorgehoben und das entsprechende Land schickt meist auch einige hochrangige Vertreter auf die Messe. Das Partnerlandformat Brasilien auf der Hannover Messe ist aber ein ganz anderes Kaliber.
von Hans Gäng* || 30. März 2026 || Vertretung der Deutschen Messe AG für CH/Li || Messen der Deutschen Messe AG weltweit

Das Partnerlandformat auf der bedeutendsten Industriemesse der Welt, der Hannover Messe, ist eine umfassende, politisch auf allen beteiligten institutionellen Ebenen und Industrieverbänden getragene Präsentation der gesamten industriellen Kompetenz eines Landes. Der Beitrag einer Volkswirtschaft zur globalen Wertschöpfung ist dabei das große Oberthema.

Kanzler Merz, Roland Busch von Siemens, Rheinmetall-Chef Pappberger, Verteidigungsminister Boris Pistorius werden auftreten. 2026 bildet die Hannover Messe die industrielle Zeitenwende Deutschlands ab. In Hannover, wo immer noch der friedliebende Handelsgott Hermes das Dach und das Logo der Messe ziert, könnte der Auftritt des brasilianischen Präsidenten Lula ein interessanter Kontrast werden. Und auf genau diese Bandbreite des Austauschs scheint auch Messechef Jochen Köckler zu setzen:
«Wir sollten nicht nur über geopolitische Herausforderungen sprechen, sondern vor allem über geopolitische Chancen.»
Ein Partnerland der Hannover Messe zu sein, heißt: Einen politisch gewollten, auf allen institutionellen Ebenen und in der Privatwirtschaft lange vorbereiteten großen Auftritt hinzulegen. Und dabei die Ambition und die Fähigkeit zu haben, der Welt das gesamte industrielle Ökosystem der Nation zu zeigen. 2026 ist damit endlich Brasilien an der Reihe. Das Land will zeigen, was es technologisch kann und sich industriepolitisch vorgenommen hat - in einer Weltlage, in der zuverlässige Partner zählen wie selten zuvor.
Seit der damalige Messechef Sepp Heckmann das Format 2005 in dieser Dimension aus der Taufe hob, haben sich mehrere Konstanten herausgebildet, die nun auch für Brasiliens großen Auftritt den Rahmen bilden
- Immer noch und zuerst: Messe. Die Ausstellungsbeteiligung des Partnerlands zu unterschiedlichen Themen über mehrere Hallen hinweg - und ein zentraler Messestand mit eigener, großer Veranstaltungssbühne
- die politische Spitzenbeteiligung auf Ebene des Regierungschefs - bei der feierlichen Eröffnung und beim gemein-samen Kanzlerrundgang am ersten Messetag.
- Ministerkonferenzen, hochrangig besetzte Konferenzen der Spitzen-verbände, unzählige Delegationen, Teilnahme des Partnerlands an allen relevanten Fachforen
- eine ausgedehnte Pressebericht-erstattung ins Partnerland
- und nicht zu vergessen: Anschluss-reisen und ‑Delegationen der Aussteller in die deutschen Bundesländer.
Wie ernst die Industrienationen die Partnerlandbeteiligung in Hannover nehmen, zeigt eine Tatsache: Seit 2005 hat nur ein einziger Staatschef, Silvio Berlusconi, wegen äusserer Umstände die Eröffnung nicht persönlich wahrgenommen.

Für 2026 hat – für die Hannover Messe ein fast natürlicher Ablauf – Brasiliens Präsident Lula da Silva (Bild oben) zugesagt: Am Eröffnungssonntag wird er gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz die Messe lancieren.
Natürlich führt der geplante Rundgang gemeinsam mit dem Bundeskanzler nicht nur zu den brasilianischen Ständen, sondern auch zu den 2026 traditionellen Schlüsselausstellern der Messe wie Siemens, Festo, Lapp, Phoenix Contact. Traditionell bereiten diese sich bei der Standgestaltung auf ein Partnerland vor und haben die Chefs der eigenen Ländergesellschaft an Bord.
Brasilien 2026: Dynamik im geopolitischen Kontext
Brasilien war bereits das erste Partnerland überhaupt. Es nutzte einst das noch ältere Format der 1980er Jahre.
2012 war Brasilien wieder da: allerdings auf dem seligen Ableger der Hannover Messe, der einst globalen Digitalmesse CeBIT. Diese hatte den Auftritt eines Partnerlands ebenfalls zu neuer und großer Dimension geführt. Präsidentin Dilma Rousseff machte damals sehr selbstbewusst deutlich, dass Brasilien zu einer Führungsnation der neuen digitalen Welt gehören wollte. In ihrem Tross damals und übrigens auch 2026 dabei: Der bescheidene Garagen-Gründer Stefanini, der heute weltweit 32.000 Mitarbeiter in 41 Ländern beschäftigt.
2026 kommt Brasilien mit vielen ambitionierten Unternehmen zurück – in einem weltwirtschaftlich wohl historischen Moment. Globale industrielle Lieferketten reißen ab und müssen neu geordnet werden. Dekarbonisierung ist kein frommes Fernziel mehr, sondern industrieller Imperativ, gerade auch für Brasilien. Und geopolitische Verlässlichkeit ist zum zentralen Faktor geworden.

Genau diesen Kontext sprach Rodrigo Baena Soares (Bild oben), der brasilianische Botschafter in Deutschland, bei der Partnerlandvorschau in Hannover an, als er sagte:
«Kein ernsthafter Ansatz für Diversifizierung und Resilienz kann Brasilien ausklammern – und keiner kann Deutschland ausklammern.»
Umsetzen statt ankündigen
Brasilien wird mit zahlreichen Ministern präsent sein, die sich mit ihren Amtskollegen aus Deutschland zu Regierungskonsultationen treffen. Auf der Messe findet auch das Deutsch-Brasilianische Wirtschaftsforum (EBBA) statt, ebenfalls mit hochrangiger Beteiligung beider Länder. Thema dort wird auch das Programm Nova Indústria Brasil sein, das die Regierung Lula seit 2024 als Reindustrialisierungsstrategie verfolgt.
Die deutsche Neubesinnung auf Brasilien basiert auf einer jahrzehntelangen Präsenz deutscher Unternehmen im Land. Allein zwischen Januar und September 2025 wurden 41 neue deutsche Investitionsprojekte in Brasilien mit einem Gesamtvolumen von 3,5 Milliarden US-Dollar angekündigt – mehr als 90 Prozent davon im verarbeitenden Gewerbe und im Energiesektor. Volkswagen erweitert sein Werk in São Bernardo do Campo für 1,26 Milliarden US-Dollar; Siemens Energy investiert 1,5 Milliarden in ein Kraftwerksprojekt im Bundesstaat Rio de Janeiro.
Das endlich in Kraft gesetzte Mercosur-Abkommen mit der Europäischen Union weckt Hoffnungen für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die dafür von der EU aufgewendeten 25 Verhandlungsjahre hat Volker Treier, als Außenwirtschaftschef des DIHK mit den deutschen Auslandshandelskammern Stammgast und Partner der Hannover Messe, ungeduldig kritisiert: «Wer Partnerschaften ankündigt, muss sie auch umsetzen. Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheiten braucht es verlässliche und belastbare Handelsbeziehungen.»
Die Handels- und Investitionsagentur APEX Brazil koordiniert in Zusammenarbeit mit SEBRAE und der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer in São Paulo sowie Branchenverbänden aus verschiedenen brasilianischen Bundesstaaten die Gesamtpräsentation.

Bei der Partnerlandvorschau im Februar 2026 brachten die APEX-Verantwortlichen Márcia Nejaim und Alex Figueiredo (Bild oben) Brasilien als dynamischen Partner eines industriell verunsicherten Deutschlands in Stellung. Ihr flammender Dialog ließ die sonst üblichen Powerpoints von Wirtschaftsförderern vergessen. Alex Figueiredos Resümee:
«Brasilien wird liefern. Wir sind bereit zur Zusammenarbeit, zu Investitionen und zu gemeinsamen Innovationen. Ob Ihre Prioritäten nun Dekarbonisierung, Digitalisierung oder Energieeffizienz sind – Brasilien ist bereit.»
KEY FACTS: BRASILIEN AUF DER HANNOVER MESSE 2026
· 2.660 m² Ausstellungsfläche in sechs Hallen
· 140 Aussteller, rund 300 Unternehmen
· 59 Startups und 10 F&E-Institutionen in Halle 11
· Über 1.500 deutsche Unternehmen aktiv in Brasilien
· Brasilien: größter Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika
Nachhaltigkeit als Zielsetzung
Wenn bei der Eröffnung endlich die Blitzlichter zucken und Kameras surren, kommt eine über viele Jahre dauernde Vorbereitung des Partnerlands durch das Messe-Team zum Abschluss.

Welch geduldige Vertriebsarbeit auch beim Partnerland dafür vorher erfolgreich gelaufen sein muss, hat Marco Siebert (Bild oben), Architekt des Partnerlandkonzepts bei der Deutschen Messe AG, in einem Gespräch mit Local Global beschrieben.
Es gehe dabei bei weitem nicht nur um die durchaus herausfordernde Ansprache politischer Entscheidungsträger im Partnerland und auch in Deutschland: «Genauso wichtig sind die Partnerschaften im privaten Sektor mit den für uns interessanten Industrieverbänden.” Immerhin ist die Hannover Messe immer noch Messe - und findet auch im Folgejahr, nach dem Partnerland-Hype, statt. Die Präsenz des Partnerlands soll nachhaltig und wiederkehrend sein.»
Wenn die Messe losgeht, fühlt sich Marco Siebert für den beträchtlichen Reise- und Gesprächsaufwand im Vorfeld belohnt:
«Dann stelle ich mich in den Gang und beobachte nur: wie die Menschen Geschäfte machen, wie sie zusammensitzen. Inder mit Brasilianern, Amerikaner mit Brasilianern – Politik ist außen vor, es geht um Menschen, um Industrie.»
TAKE OUTS
Brasiliens 140 Aussteller präsentieren ihr Land umfassend in sechs Hallen.
Halle 11 zeigt das Innovationsökosystem: Start-ups, F&E-Institutionen und SENAI – das nationale Ausbildungsinstitut der brasilianischen Industrie.
Halle 12 ist der Schwerpunkt für Energie, mit 30 Unternehmen rund um erneuerbare Energien, Biokraftstoffe und Elektrifizierung. WEG, einer der weltgrößten Hersteller elektrischer Maschinen, ist dabei. Der Minengigant Vale zeigt neue Technologien für kritische Rohstoffe. Und natürlich zeigen auch das Luftfahrt-Paradeunternehmen Embraer und Eve Air Mobility Lösungen für urbane Luftmobilität.
Halle 16 widmet sich ICT und Smart Manufacturing – mit Unternehmen wie Stefanini, das seit dem ersten Besuch seines Gründers noch einmal einen Quantensprung – gerade in Europa – hingelegt hat.
Halle 17 bringt Maschinenbau und Industriekomponenten, ergänzt durch einen besonderen Programmpunkt: eine live ausgetragene WorldSkills-Simulation zwischen brasilianischen und deutschen Teams.
Brasilien fügt sich damit ein in das räumlich doch sehr stark geänderte Gefüge der Hannover Messe 2026. Diese hat sich stark westwärts bewegt, die Hallen im Osten des Geländes werden nicht genutzt. Das bringt auch das Convention Center, lange Jahre der Dreh- und Angelpunkt des Konferenzgeschehens, in eine gewisse Randlage.
Richtig Rampenlicht gibt es dafür jetzt in der neuen Center Stage in der nördlichen Halle 25 - einer echten Weltbühne der Hannover Messe, die das Team um Michael Rose fast ein wenig wie ein Revival der legendären Global Conferences der CeBIT organisiert hat.
*Über den Autor: Hans Gäng beobachtet mit seinen Medien die Internationalisierung der Hannover Messe seit 1998 und hat seit 2005 mehrere Partnerländer bei der Kommunikation auf der Messe unterstützt. Im Global Business Magazine zur Hannover Messe finden sich zahlreiche Interviews und Berichte zu den Partnerländern und zu Veränderungen in den globalen Wertschöpfungsketten.
Vertretung der Deutschen Messe AG für die Schweiz

von links: Margherita Borghi, Andreas Züge, Giulia Pelosio.
Hannover Fairs International GmbH, Via Paleocapa, 1, I – 20121 Milan.
Andreas Züge, General Manager, andreas.zuege@hfswitzerland.ch
Margherita Borghi, Country Manager Switzerland, margherita.borghi@hfswitzerland.ch
Tel. +39 02 70 63 32 92.
Giulia Pelosio, Marketing Manager, giuliap@hfitaly.com







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