Virtuelle Ferienmesse: «Alle sehnen sich nach physischen Events»

Die virtuelle Ferienmesse sah sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung von physischen Messen während dem Jahr. Initiator Cäsar Bolliger erklärt das Konzept.


by Cäsar Bolliger | 31. Mai 2021



Cäsar Bolliger, vom 22. – 25. April 2021 haben Sie die erste virtuelle Ferienmesse für die Schweiz lanciert. Was ist der Grund, dass Sie sagten: Jetzt braucht die Branche eine virtuelle Ferienmesse?

Durch den Wegfall der physischen Messe wollten wir mit einer virtuellen Ferienmesse einen Impuls setzen, damit die Reisebranche trotz Covid-19 und Negativmeldungen wieder ins Bewusstsein gerufen wird. Wir boten eine Alternative, wo sich Angebot und Nachfrage trotz Corona treffen konnte. Es war eine Publikumsmesse, auch wenn viele der 500 Reiseberater die Plattform für den gegenseitigen Austausch genutzt haben.



Aus unserer Sicht können Messeveranstalter digitale Transformation nur in Ausnahmefällen aus eigener Kraft bewältigen und sie benötigen IT-Spezialisten. Wie beurteilen Sie das? Könnte die virtuelle Ferienmesse eine Verlängerung (nicht ein Ersatz!) der Ferienmessen in der Schweiz werden?

Ich bin kein Programmierer, aber Fachmann für Onlinemarketing und Digitalisierungs-projekte. Ich sehe die Zukunft im Bereich hybrider Events, wo vor allem auch Besucher bedient werden, die nicht so weit oder gar nicht anreisen wollen zum physischen Event. Gute Lösungen für Remoteteilnahmen sind da gefragt. Einige Ideen dazu sind bereits entstanden und ich bin grundsätzlich offen für virtuelle «Verlängerungen» der großen Schweizer Ferienmessen, gehe aber davon aus, dass die wichtigen Player bereits Konzepte und Ideen vorbereitet haben für die Ausgabe im Frühjahr 2022.



Welche Vorteile bietet die virtuelle Ferienmesse den Ausstellern und BesucherInnen, die sie mit einer physischen Präsenz nicht haben? Was kann die virtuelle Ferienmesse, was im Internet nicht schon durch Webfenster der Anbieter abgedeckt ist?

Der größte Vorteil der virtuellen Messe ist es, dass der Besucher ganz leicht per Match-Making-Technologie zum richtigen Berater oder Stand teleportiert werden kann und nicht über das ganze Messegelände laufen muss. Die Spezialisten sind direkt verfügbar und können kompetent Fragen beantworten und individuell beraten. Die Besucher können ihren derzeit sehr großen Informationsbedarf live stillen – im Gegensatz zu anonymen Online-Buchungsportalen, wo sich bei allfälligen Komplikationen während der Reise niemand verantwortlich fühlt. Über das Menü sind auf dem Lageplan alle Stände und Vortragsräume mit nur einem Klick erreichbar. Aussteller und Besucher können sich frei auf der Messe bewegen und mittels Klick auf einem Aussteller-Avatar einen Chat oder Videoanruf starten.


Was verloren geht und physische Messen natürlich bieten sind die multisensorischen Erlebnisse. Während die virtuelle Ferienmesse «nur» audiovisuell ausreizen kann, bietet die physische Messe Haptik, Düfte, Live-Unterhaltung mit Tänzen, Give-Aways zum Mitnehmen, Gerätschaften zum Testen und nicht zuletzt ein kulinarisches Angebot. Ein Nachteil virtueller Messen ist außerdem, dass sich Besucher nicht in ein Gespräch verwickeln lassen müssen. Handkehrum wird diese Anonymität und Freiheit von virtuellen Messebesuchern auch geschätzt.



Wie ist Ihre Stimmungslage in Bezug auf die für die Aussteller auf der virtuellen Ferienmesse hergestellten Reichweite zu deren Kunden? Was hat die virtuelle Messe erreicht, das die Anbieter aus eigener Kraft nicht vermochten? Wie beurteilen Sie den vielbeschworenen Marktplatz, den Messen abbilden müssten: inwiefern kann man von einem Marktplatz sprechen?

Angebot und Nachfrage haben sich getroffen, ein Marktplatz kam zustande, soviel steht fest. Sonnenschein und das erste offene Wochenende der Terrassenrestaurants haben sich sicher stark bemerkbar gemacht und die Besucherzahlen negativ beeinflusst.


Trotzdem konnten wir das persönlich gesteckte Minimalziel von 5000 Besuchern erreichen. Die Medienpräsenz war enorm während den zwei Wochen vor dem Event, davon konnte die ganze Branche profitieren. Immer wieder wurde demonstriert, dass Reisen mit den richtigen Partnern und entsprechendem Know-How möglich sind und gerade in diesen Zeiten das Reisebüro mehr Sicherheit und Verantwortung in Notfällen bietet oder bei Umbuchungen als Online-Buchungsplattformen.


Welche Erfahrungen haben Aussteller und BesucherInnen auf der virtuellen Ferienmesse gemacht? Rennen sie Ihnen die Türe ein für eine nächste Austragung?

Nein, das Format war den Umständen entsprechend passend für diese Zeit. Alle sehnen sich nach physischen Events und nach Home-Office und unzähligen virtuellen Events und Webinaren ist die Lust auf solche Formate aktuell gering. Wir arbeiten an Mischformen und werden sicher diejenigen Elemente, welche hervorragend funktioniert haben für weitere ähnliche Austragungen übernehmen, allem voran die oft gelobte und viel geschätzte Vielfalt an verfügbaren Vorträgen.


Welche Möglichkeiten, über die Restriktionen von Raum und Zeit herauszugehen, hat die virtuelle Ferienmessen angeboten? Müsste sie nicht an 365 Tagen anstatt bloß an vier Tagen stattfinden, um Sinn zu machen?

Die Besucher konnten schon einige Tage vor Messestart eintreten und die Stände sowie Informationsmaterial, Kataloge und Videos anschauen. Damit sich der Personalaufwand lohnt, ist eine Beschränkung auf wenige Tage wohl notwendig. Eine Dauermesse oder sporadische Öffnungen zu spezifischen Themenschwerpunkten sind aber durchaus vorstellbar – es gibt keine Raum-Mietkosten. Die Lizenz kann monatlich verlängert werden für eine knapp vierstellige Gebühr.


Wie geht es jetzt weiter mit der virtuellen Ferienmesse? Wird die virtuelle Ferienmesse bleiben? Als Konkurrenz zu Ferienmessen oder als deren Verlängerung? Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie?

Das ist aktuell noch schwer abzuschätzen. In abgewandelter Form, wahrscheinlich ohne Avatare mit Fokus auf Live-Interaktion mit passenden Spezialisten und ein kleines aber feines Live-Vortragsprogramm kann ich mir gut vorstellen. Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung oder Erweiterung während dem Jahr.


Wie lange bleibt die virtuelle Ferienmesse noch online mit welchem Ziel? Wie geht es jetzt weiter mit der virtuellen Ferienmesse?

Das steht noch nicht genau fest. Die Lizenz kann monatlich verlängert werden und es gibt Interessenten, die Plattform für andere Branchen zu nutzen.


Welche Schlüsse ziehen Sie von der virtuellen Ferienmesse, was haben Sie gelernt, was würden Sie nicht mehr oder besser machen?

Weniger ist mehr: eher weniger Vorträge – es waren parallel in 12 Vortragsräumen total 550 Vorträge zu sehen – dafür mehr live Vorträge. Die Nutzerfreundlichkeit muss vereinfacht werden, so dass wirklich keine Fragen offen bleiben. Auch weniger und kleinere Stände, damit sich die Messe nicht über vier, sondern über zwei Hallen verteilt, wodurch automatisch mehr Traffic an den Ständen herrscht sind unsere Lehren, die wir gezogen haben.


Haben Sie die Aufgabe unterschätzt, eine virtuelle Ferienmesse zu bauen? Welche Konsequenzen ziehen Sie, die Ihnen in Zukunft nützen werden?

Unterschätzt nicht, aber für eine praktisch «Oneman-Show» war es eine große Herausforderung. Das auferlegte finanzielle Risiko würde ich in dieser Form nicht mehr nur auf meinen eigenen Schultern tragen wollen.


Interview: Urs Seiler