Home-Maxxing? Die menschliche Dimension auf der Heimtextil 2027
Besser schlafen, schneller regenerieren, effizienter leben: Der Wunsch nach Optimierung hat unser Zuhause erreicht. Sie zeigen, warum das Zuhause heute gleichzeitig Cocoon und Rückzugsort sein soll.
von Urs Seiler || 10. September 2026 || Vertretung der Messe Frankfurt für die Schweiz und Lichtenstein

Seit wann ist Entspannung etwas geworden, das man auch noch optimieren muss? Wollen wir wirklich einen Bereich, der noch mehr von uns verlangt?

Das war das Thema der Heimtextil Pressekonferenz zu den neusten Textiltrends vom 7. September. Ivonne Seifert (Bild links), Marketingkommuni-kations-Direktorin der Textil- und Textiltechnologiemessen der Messe Frankfurt, stellte zu Beginn der Pressekonferenz diese rhetorische, aber richtige Frage. Im Trend Space in Halle 4.2 werden die Heimtextil Trends 27/28 erlebbar präsentiert.
Und die Antwort lautete: Je stärker Schlaf, Wellness, Routinen, Materialien und Räume optimiert werden, desto größer wird die Sehnsucht nach einem Zuhause, das nicht nach mehr Leistung verlangt.

„Home-Maxxing bringt zwei gegenläufige Erwartungen unserer Zeit auf den Punkt: das
Streben nach immer mehr Leistung und das Bedürfnis nach Entlastung. Die Heimtextil
Trends 27/28 erweitern den Blick auf textile Performance: Es geht nicht nur darum, was
Materialien und Produkte leisten, sondern ebenso darum, wie ihre Funktion
nachvollziehbar und ihre Beschaffenheit erfahrbar wird. Daraus entstehen neue
Ansatzpunkte für die Gestaltung und Entwicklung künftiger Produkte und Raumkonzepte“,
so Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies der Messe Frankfurt.
Die Anforderungen an Räume werden vielfältiger. In einem immer schnelleren und
digitaleren Alltag sollen sie Orientierung geben, funktionale Ansprüche erfüllen und
zugleich Entlastung bieten. „Home-Maxxing“ greift diesen Widerspruch auf. Textilien
regulieren Licht, dämpfen Geräusche oder filtern Luft. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis
nach Materialien, die sich angenehm anfühlen, lange halten und nicht zusätzlichen
Optimierungsdruck erzeugen. Ob Zuhause, Hotel, Arbeitswelt oder Healthcare – Interior
Design muss Leistungsfähigkeit und menschliche Bedürfnisse neu ausbalancieren.
Gemeinsam mit der Mailänder Designplattform Alcova übersetzt die Heimtextil diese
Entwicklung in drei Trendrichtungen: Staged Competence, Inside, Out und Hyper
Presence. Sie reichen von sichtbar inszenierter technischer Leistungsfähigkeit über offen
gezeigte Verbindungselemente bis hin zu Materialien, deren Haptik, Beschaffenheit und
Langlebigkeit in den Vordergrund rücken. Drei Trends dominierten auf der Pressekonferenz:

01 Staged Competence
Funktionalität darf man sehen. Staged Competence beschreibt eine Ästhetik, in der
technische Kompetenz nicht im Hintergrund bleibt, sondern bewusst inszeniert wird.
Textilien und Oberflächen zeigen, was sie können – und zunehmend auch, wie sie es
können. Technische Codes, Zahlen, Symbole und Mikrografiken werden zu
Gestaltungselementen. Entscheidend ist dabei nicht allein die tatsächliche Funktion eines
Materials. Seine Leistungsfähigkeit soll auch nach außen erkennbar sein. Was getestet,
konstruiert und optimiert wurde, darf entsprechend aussehen. Strapazierfähigkeit,
technische Raffinesse und nachweisbare Qualität werden Teil der Ästhetik.
Die Farben unterstreichen diesen technisch geprägten Charakter. Kühle Blau- und
Grüntöne, mineralische Nuancen und helle, fast synthetische Farben erinnern an
Hardware, Outdoor-Ausrüstung und Funktionsmaterialien. Ein leuchtendes Säuregelb
setzt einen bewussten Akzent.
02 Inside, Out
Was steckt in den Dingen, mit denen wir uns umgeben? Inside, Out reagiert auf eine
Welt, in der Technologien und digitale Systeme immer komplexer und schwerer
nachvollziehbar werden. Der Trend setzt dieser Unsichtbarkeit eine neue Offenheit
entgegen: Konstruktionen werden verständlich, Verbindungen sichtbar. Schrauben, Gurte,
Nähte, Kabel, Reißverschlüsse oder andere Verbindungselemente werden nicht länger
verborgen und werden bewusst Teil des Designs. Ein Bezug darf erkennen lassen, dass
er abgenommen und ausgetauscht werden kann. Technik muss nicht hinter einer
makellosen Oberfläche verschwinden.
Auch diese Farbpalette lebt von sichtbaren Gegensätzen. Dunkles Anthrazit und tiefes
Graphit erinnern an Stahl und industrielle Bauteile. Ein kräftiges Rot und sanftes Violett
setzen dazu beinahe künstlich wirkende Kontraste. Ergänzt wird die Palette durch einen
gedämpften, kühlen Grün-Grau-Ton.
03 Hyper Presence
Nach all der Optimierung kommt die Gegenbewegung. Hyper Presence richtet die
Aufmerksamkeit auf das, was sich nicht messen lässt: wie sich ein Stoff auf der Haut
anfühlt, wie ein Material altert oder welche Atmosphäre durch Textur entsteht. Wie
sinnlich Materialien wirken können, zeigen etwa mit Bienenwachs behandelte Gewebe,
die durch Wärme den natürlichen Duft von Honig und Propolis entfalten. Der Trend
reagiert auf die permanente digitale Reizüberflutung mit bewusster physischer Präsenz.
Materialien stehen entsprechend im Mittelpunkt: Naturfasern, raue und lebendige
Oberflächen, Wolle, Leder oder Holztextilien sprechen den Körper und die Sinne an.
Falten, Patina und Gebrauchsspuren sind keine Fehler, sondern Teil ihres Charakters.
Auch die Farben verlassen die digitale Welt. Tiefes Rostrot, gebranntes Orange, Ocker,
Altrosa und warmes Cremeweiß erinnern an Feuer, Ton und oxidiertes Metall. Die Palette
ist warm, erdig und beruhigend – und bildet damit den deutlichsten Gegenpol zur
technisch-kühlen Ästhetik der beiden anderen Trendrichtungen.
«Die Geschichte geht natürlich in Frankfurt weiter, wenn Home-Maxx physisch erlebbar wird», sagte Ivonne Seifert.
Die Heimtextil 2027 findet vom 12. bis 15. Januar 2027 statt.






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