Von Google lernen: Messen im Zeitalter des Hyperchange

Live ist so lebendig wie nie, sagt Digital Shaper Roland Kümin. Big Data gibt Messe-gesellschaften die Werkzeuge in die Hand, dauerhaft etwas Neues zu schaffen. Roland Kümin sagt im Top-Interview, wie man diese Chancen ergreift. English language version below.


by Urs Seiler | 23. Oktober 2020

Roland Kümin, was bewegt Dich zur Zeit meisten?

Die letzten Monate waren sehr bewegt und haben bei vielen Menschen eine Art emotionaler Achterbahn ausgelöst. Für mich war es eine intensive, erkenntnisreiche Zeit, auch in technischer Hinsicht. Plötzlich war Home-Office möglich und Meetings konnten effizient auch online abgehalten werden. Es scheint, als würde Covid uns eine neue, andere Sicht auf etablierte Gewohnheiten geben. Es ist ein Wandel im Gange, vieles hat ausgedient, lieb gewonnene Systeme, Strategien fallen in sich zusammen. Denken wir nur an unsere kaum hinterfragten Reisegewohnheiten, etwa das Fliegen zu Geschäftsreisen. Jetzt gibt plötzlich eine Alternative. Meine Prognose lautet: Was für die neu angebrochene Zeit nicht mehr dienlich ist, wird sich nach und nach auflösen.

«Messegesellschaften müssen verstehen,

dass ihnen Big Data das Werkzeug in die Hand gibt,

etwas Neues zu schaffen.»


Du hast mir in einem kürzlichen Gespräch gesagt «Live ist so lebendig wie nie». Was heißt das genau zu einem Zeitpunkt, an dem man in Europa erst zögerlich wieder Messen durchführen kann und aktuell in Deutschland alle Messen abgesagt werden müssen?

Die Covid-19-Pandemie hat die internationale Messewirtschaft, weil Messen kaum mehr möglich waren, vor einen «Digitalisierungsdruck» gestellt. In Zukunft wird sich das Messegeschäft um hybride Events drehen. Messegesellschaften dürfen aber nicht ihre Kernkompetenz von Face:to:Face-Begegnungen vergessen. Live Begegnungen, wie das Messen in einzigartiger Weise ermöglichen, zum Beispiel für das Business:to:Business-Geschäft, haben die Aufgabe, sagen wir es einmal so, Emotionen zum Fließen zu bringen. Es gibt kein Leben ohne Emotionen, ohne Emotionen wären wir nicht mehr als ein Computer! Darin liegt genau die Riesenchance von Messeorganisatoren – dass sie diese Echtzeit-Emotionen weiterhin ermöglichen, indem sie Digitalität besser nutzen. Wer das stimuliert, kommt auf ganz neue Gedanken. Man muss das Messegeschäft neu definieren.

Was heißt das, neu definieren?

Das Kerngeschäft von Messen ist ja das Zusammenbringen, das Match-Making, von Anbietern und Käufern. Eine Messegesellschaft, nehmen wir die Messe Frankfurt, die weltweit unterwegs ist, hat ein riesiges, globales Potenzial von Stakeholdern, eine Art unbeschränkter Wissensbank von Mitarbeitenden und Vordenkern aus ihren jeweiligen Messebranchen. Wenn es gelingt, dieses vorhandene Wissen für die jetzt anstehende Veränderung zu nutzen, entsteht ein wertvolles, ja unbezahlbares Kreativpotenzial. Messegesellschaften wären falsch beraten, wenn sie dieses Potenzial nicht nutzen würden. Das Schlüsselwort heißt Kollaboration anstelle von Exekution, top-down Transformation funktioniert nicht mehr.

Wie funktionieren solche Kollaborationen?

Covid hat aufgezeigt, dass Onlinekollaboration sehr gut möglich ist. Im neuen Business-Zeitalter werden Ideen und Innovationen in neuer Art gefördert. Das hat mich dazu geführt, mit der Matchmaking- und Mentoringplattform Annexx.io selber eine solche Plattform zu initialisieren. Annexx.io verbindet Menschen und Ideen. Wir helfen, digitale Kollaborationsplattformen auf einfache und kostengünstige Art zu stimulieren.


Welche Weichenstellungen sind für Messegesellschaften notwendig?

Daten sind die neue Währung. Messegesellschaften müssen jetzt von Google lernen, wie man Daten monetarisiert, mit ihnen ein Geschäft macht respektive sie nutzt, um das Kerngeschäft besser zu erfüllen. Wenn Messegesellschaften lernen, aus ihren Daten Wissen zu generieren, dann sind sie einen sehr großen Schritt weiter.

Messegesellschaften müssen verstehen, dass ihnen Big Data das Werkzeug in die Hand gibt, etwas Neues zu schaffen oder sagen wir auf neue Weise ihre Kernaufgabe des Zusammenbringens ihrer Community in ganz neuer Weise wahrzunehmen. Das gilt sowohl für große als auch kleinere Messegesellschaften, denn sie haben alle im Laufe der Zeit eine riesige Datenbank ihrer Community gesammelt. Jetzt geht es darum, diese zu nutzen!

Bjoern Kempe sagt auf Expodatabase am 16. Juli 2020 «Ich gehe davon aus, dass bis Ende des Jahres alle deutschen Messegesellschaften Akquisitionen von Firmen aus dem Onlinetechnologie- oder Virtualbereich vornehmen und bestehende Plattformen und Know How einkaufen.» Wie beurteilst Du diese Prognose?

Das Ziel ist lobenswert, aber Messegesellschaften müssen auch den richtigen Weg gehen. Jetzt, wo wegen Covid ein äußerer Druck entsteht, muss auf einmal alles schnell gehen! Aber das kommt einer Flucht nach vorne gleich. Das ist nicht die richtige Lösung. Messegesellschaften müssen auch in der jetzigen Situation weiter organisch wachsen, denn sie haben ja eine teilweise über Jahrhunderte gewachsene Kultur, eine einzigartige DNA. Wer einfach eine Digitalfirma kauft, schafft bloß eine zweite Insel neben dem Kerngeschäft, aber man befindet sich damit noch nicht im hybriden Business, das in Zukunft zum Standard wird. Worauf es jetzt ankommt ist, dass Messegesellschaften auch im digitalen Geschäft organisch wachsen.

Was heißt das, organisches Wachstum im digitalen Bereich?

Was ich damit sagen möchte: eine Messegesellschaft kann nicht einfach eine Standardsoftware einsetzen respektive zukaufen. Auch eine hybride Applikation muss zuerst entwickelt werden, organisch wachsen mit dem Kerngeschäft und mit der Integration desselben mit der Software. Schließlich muss daraus etwas Neues entstehen. Eine Messe muss auch weiterhin evolutionär wachsen und dazu braucht es neue Bausteine. Danach geht es weiter: Es muss etwas Neues entstehen – die hybride Messe!

Am 28. Oktober bist Du Referent am Webinar «Leading in the Age of Hyperchange». Was ist Deine Botschaft?

Wie der Titel sagt, leben wir heute in einem Hyperchange-Modus, in einem modernen Wirtschaftszeitalter, welches sich ständig beschleunigender Störungen ausgesetzt sieht. Diese Herausforderungen gilt es anzunehmen und zu meistern. Damit das gelingt, brauchen wir ein neues Verständnis bezüglich Leadership. Diese Aspekte diskutieren verschiedene Unternehmer und Experten am HIEC BEYOND Live Stream Event vom 28. Oktober 2020 von 16 bis 18 Uhr. Die UserInnen von smartville.digital erfahren hier, wie man die Weichen im digitalen Zeitalter neu stellt. Unter HIECbeyond.com können sie mit dem Registrierungscode HIEC-789 kostenlos teilnehmen.


Roland Kümin ist CEO und Founder von Annexx.io, einer Matchmakingplattform zwischen Startups und Investoren. Er gehört zu den ersten «Digital Shapers» der Schweiz, seine Buchneuerscheinung «Lessons Learned - Impulse und Tipps für die Startup-Szene Schweiz» ist jetzt im Onlinehandel erhältlich.

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Why Trade Fairs must go hybrid and use big data

Live experiences are more alive than ever. Big Data provides trade fair companies with the tools to create something new on a permanent basis. It’s time to seize these opportunities.

by Roland Kümin | 24 October 2020

Live experiences are more alive than ever. Big Data provides trade fair companies with the tools to create something new on a permanent basis. It’s time to seize these opportunities says digital shaper Roland Kümin.

The last months have been very moving for all of us and have triggered a kind of emotional rollercoaster for many people. It was a intensive, insightful time, also in technical terms. Suddenly home office was possible and meetings could be held efficiently online. It seems as if Covid-19 gave us a new, different view on established habits. There is a change in progress, many things have become obsolete, cherished systems, strategies are collapsing. Let's just think of our hardly questioned travel habits, such as flying for business trips. Now there is suddenly an alternative. My prognosis is: What is no longer usable in the the new era that has just begun will die a rapid death.

Live experience for business trade

The Covid 19 pandemic has put the international trade fair industry under «digitalization pressure» because executing trade fairs is not possible any more. The result is that in the future, the trade fair business will revolve around hybrid events. But trade fair companies must not forget their core competence of face-to-face encounters. Live experience, such as the unique way in which trade fairs make it possible, for example for the business:to:business trade, have the task, let's put it this way, of making emotions flow. There is no life without emotions, without emotions we would be nothing more than a computer! This is precisely the huge opportunity for trade fair organizers - that they continue to make these real-time emotions possible by making better use of digitality. Anyone who stimulates this hybrid «emotion platform» will come up with completely new ideas. The trade fair business needs redefining.

What does it mean, redefining the trade fair business?

After all, the core business of trade fairs is to bring together suppliers and buyers. A trade fair company, let's take Messe Frankfurt or many German fairs organisers, which are active around the world, have a huge global potential of stakeholders, a kind of unlimited knowledge base from employees and thought leaders from within their respective trade fair sectors. If we succeed in using this existing knowledge for the change that is about to take place, a valuable, even priceless creative potential can emerge. Trade fair companies would be wrongly advised if they did not use this potential. The key word is collaboration instead of execution; top-down execution no longer works.

How do such collaborations work?

Covid has shown that online collaboration is easily possible. In the new business age, ideas and innovations are promoted in a new way. This led me to initiate such a platform myself with the matchmaking and mentoring platform Annexx.io. Annexx.io connects people and ideas. We help to stimulate digital collaboration in a simple and cost-effective way.

Necessary course of action for trade fair companies

Data is the new currency. Trade fair companies must now learn from Google how to monetize data, do business with it or use it to better execute their core business. If trade fair companies learn how to generate knowledge from their data, then they are a very big step forward.

Trade show companies need to understand that dig data gives them the tools to create something new, or let's say to perform their core task of bringing their community together in a completely new, better way. This is true for both large and small trade fair companies, as they have all collected a huge database of their community over time. Now it is time to use it!

Bjoern Kempe said on Expodatabase on July 16, 2020 «I assume that by the end of the year all German trade fair companies will make acquisitions of companies from the online technology or virtual sector and purchase existing platforms and know-how». This goal is laudable, but trade fair companies must also take the right path. Now, when external pressure is building up because of Covid, suddenly everything has to go fast! That is not the right solution. Trade fair companies must continue to grow organically even in the current situation, because they have a culture, a unique DNA, that has grown over centuries. If you simply buy a digital company, you are just creating a second island next to your core business, but you are not yet in the hybrid business that will become the standard in the future. What matters now is that trade fair companies grow organically in the digital sector as well.

Organic growth in the digital sector

What I want to say is that a trade fair company cannot simply use or buy standard software. Even a hybrid application has to be developed first, grow organically with the core business and integrate it with the software. Finally, something new must emerge from this. A trade fair must continue to grow in an evolutionary way and this requires new brick laying – or shall we say news clicks. Something new must emerge - the hybrid trade fair!

On October 28 I will be a speaker at the webinar «Leading in the Age of Hyperchange». As the title says, we live in a hyperchange mode today, in a modern economic age that is constantly exposed to accelerating disruptions. These challenges must be accepted and mastered. For this to succeed, we need a new understanding of leadership. These aspects will be discussed by various entrepreneurs and experts at the HIEC BEYOND Live Stream Event on October 28, 2020 from 4 p.m. to 6 p.m in German language. At HIECbeyond.com you can participate free of charge with the registration code HIEC-789.

Roland Kümin is CEO and founder of Annexx.io, the matchmaking platform for start-ups and investors. He is one of the first «digital shapers» in Switzerland. His new book «Lessons Learned – Impulse und Tips für die Schweizer Startup-Szene» is now available online in German language.


Translated from German with www.DeepL.com | Interview in German by Urs Seiler