Fünf Theater in einem: Wie NÜSSLI die temporäre Architektur in Kassel neu erfunden hat
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Was wäre, wenn ein temporäres Gebäude flexibler wäre als das permanente, das es ersetzt? In Kassel hat NÜSSLI ein voll ausgestattetes Theater errichtet, das sich in fünf grundverschiedene Konfigurationen verwandeln lässt, für Veranstaltungen von Oper und Tanz bis hin zu Konzerten geeignet ist und schließlich abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden kann. Was als Lösung für ein Renovierungsproblem begann, zeigt, wie temporäre Architektur zu etwas weitaus Ambitionierterem werden kann.

Von Archie Marshall || 21. August 2026
Ein Theater, das gebaut wurde, weil das alte nicht mehr aufgeführt werden konnte.
Das Opern- und Theaterhaus des Staatstheaters Kassel wurde in den 1950er Jahren erbaut. Heute entsprechen weder die Bausubstanz noch die Bühnentechnik den modernen Standards, und die Bühnenmaschinerie lässt sich nicht mehr sicher betreiben. Für eine Institution mit rund 600 Mitarbeitern war eine mehrjährige Schließung für die notwendige Sanierung jedoch keine Option. Der Spielbetrieb musste weitergehen.
Das stellte eine ganz besondere bauliche Herausforderung dar: Kassel benötigte ein voll funktionsfähiges Theater, aber nur für die Zeit, in der das Stammhaus renoviert wurde. Die Lösung war das Interimstheater, ein eigens dafür errichtetes temporäres Theater auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne I.
Nach einer europaweiten Ausschreibung wurde NÜSSLI im Mai 2024 als Generalunternehmer für das Projekt beauftragt. Das Unternehmen übernahm die Gesamtverantwortung für Planung, Bau, Bühnentechnik, Akustik und die gesamte Gebäudetechnik und lieferte nicht nur das Gebäude selbst. Von der Planung bis zur Eröffnung vergingen rund anderthalb Jahre. Das Interim Theatre empfing am 31. Oktober 2025 mit Giuseppe Verdis Aida sein erstes Publikum.
Die Baugeschwindigkeit war beeindruckend, aber nur die halbe Miete. Sollte das Gebäude mehrere Jahre lang als Spielstätte des Staatstheaters dienen, musste es als vollwertiges Theater und nicht nur als Übergangslösung funktionieren. NÜSSLI entwarf das Interim daher nach einem anderen Prinzip: Temporär musste nicht gleichbedeutend mit eingeschränkt sein.
Fünf Konfigurationen: Ein Gebäude
Das INTERIM-System basiert auf einer modularen Stahlfachwerkkonstruktion, bei der Schnelligkeit und vollständige Demontagefähigkeit von Anfang an in das Konzept integriert waren. Die Vorfertigung ermöglichte die parallele Installation von Bühnenboden, Bühnentechnik und Bühnenturm, während ein temporäres, mit 80 Motoren ausgestattetes Tragwerk die gleichzeitige Durchführung verschiedener Bauprozesse ermöglichte.
Im Inneren ähnelt das Ergebnis eher einem permanenten Hochleistungstheater als einer herkömmlichen temporären Konstruktion. Die nutzbare Bühne misst 25 mal 50 Meter und bietet eine lichte Höhe von bis zu 18 Metern. Über 160 Container rund um das Gebäude dienen als Garderoben, Maskenräume, Lager und Technikräume.
Die eigentliche Innovation liegt jedoch in der flexiblen Umgestaltung des Innenraums. Ein im Boden eingelassener, hochbelastbarer Drehteller mit 18 Metern Durchmesser trägt bis zu 80 Tonnen und ermöglicht so die Montage von großen Bühnenkonstruktionen oder sogar einer kompletten Zuschauertribüne. Eine Bühnenmaschinerie mit 28 Seilzügen erstreckt sich über die gesamte Raumlänge, während eine viergeschossige Galerie gleichzeitig als Zuschauerraum, Spielfläche und Beleuchtungsebene dient.
Zusammen ermöglichen diese Elemente dem Interim fünf grundlegend verschiedene Konfigurationen, von einem konventionellen Guckkastentheater bis hin zu einer 360-Grad-Arena. Die Architektur kann somit auf die jeweilige Produktion reagieren, anstatt jede Produktion in dasselbe architektonische Schema zu pressen.
Diese Flexibilität zeigte sich gleich zu Beginn bei Aida. Mit über 200 Beteiligten zählt Verdis Oper zu den räumlich anspruchsvollsten Produktionen des Repertoires. Unter der Leitung von Florian Lutz, Intendant des Staatstheaters Kassel, wurde die traditionelle Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum bewusst aufgehoben. Das Publikum erlebte die Inszenierung von der drehbaren Haupttribüne, den Orchesterplätzen rund um den Graben, vier Galerieebenen und sogar von Plätzen direkt auf der Hauptbühne aus.
Das Gebäude war nicht länger nur der Ort, an dem die Aufführung stattfand. Es wurde selbst Teil der Aufführung.


Ein Gebäude, das für sein nächstes Leben entworfen wurde
Das vielleicht wichtigste Detail ist, was passiert, wenn die Interimszeit in Kassel nicht mehr benötigt wird.
Das Gebäude soll voraussichtlich fünf bis sechs Jahre an seinem Standort bleiben. Anschließend kann die gesamte Konstruktion abgebaut und an einem anderen Ort wiederaufgebaut werden. Die modulare Bauweise dient daher nicht nur der schnelleren Projektabwicklung, sondern ist auch eine Strategie, dem Gebäude ein zweites Leben zu schenken.
Das stellt eine der traditionellen Annahmen im Zusammenhang mit temporären Bauten in Frage. Temporäre Gebäude werden oft als schnell errichtete, zeitlich begrenzte und schließlich wieder abgerissene Konstruktionen betrachtet. Das Konzept „Interim“ hingegen sieht den temporären Status als Teil des Lebenszyklus eines Gebäudes: Aufbau, Nutzung, Anpassung, Abbau und Wiederverwendung.
Für Städte, die vor großen Sanierungsprojekten stehen, könnte dies ein zunehmend attraktives Modell werden. Ein temporärer Veranstaltungsort muss nicht länger ein Kompromiss zwischen Untätigkeit und dem Bau eines weiteren permanenten Gebäudes sein. Er kann die heute benötigte Kapazität bieten und gleichzeitig flexibel an völlig andere Anforderungen von morgen angepasst werden.
Die wichtigste Lehre aus Kassel ist daher nicht einfach, dass NÜSSLI schnell ein Theater bauen kann. Sie ist vielmehr, dass temporäre Architektur mit dem gleichen Anspruch wie permanente Infrastruktur gestaltet werden kann und dabei etwas bietet, was permanente Gebäude oft nicht können: die Freiheit zur Veränderung.
Das Interimstheater kann seine Konfiguration, seine Beziehung zum Publikum und die Art und Weise, wie Produktionen seinen Raum nutzen, verändern. Und wenn seine Rolle in Kassel erfüllt ist, kann das Gebäude selbst abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden.
NÜSSLI baute nicht einfach nur ein temporäres Theater. Es baute ein Theater, dessen Konzept auf der Idee beruhte, dass seine nächste Konfiguration und schließlich sein nächster Standort heute noch nicht feststehen müssen.
Über NÜSSLI
NÜSSLI ist ein weltweit tätiger Anbieter von Veranstaltungs- und Baudienstleistungen, spezialisiert auf die Planung und Realisierung komplexer Infrastrukturprojekte für Sport-, Kultur- und Wirtschaftsprojekte. Das Unternehmen vereint Projektmanagement- und Baukompetenz, um Bauwerke und Veranstaltungsorte zu realisieren, die oft unter erheblichem Zeitdruck errichtet werden müssen.
NÜSSLI wurde 1941 gegründet und geht auf die Erfindung einer Keilkupplung durch Firmengründer Heini Nüssli zurück, die den Veranstaltungsbau revolutionierte. Das Unternehmen beschäftigt heute rund 460 Mitarbeiter an 21 Standorten weltweit und realisiert jährlich etwa 1.500 Projekte.
Von temporären Kulturstätten bis hin zu großen Sport- und Geschäftsinfrastrukturen konzentriert sich die Arbeit von NÜSSLI auf die Verbindung von Bau-, Technologie- und Veranstaltungsanforderungen, um Räume zu schaffen, in denen das Publikum Veranstaltungen hautnah erleben kann.






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