Messe Frankfurt: «Messen machen, nicht Messen absagen»

Die Messe Frankfurt macht einen «dreistelligen» Millionenverlust und bezieht 250 Millionen Euro am Kapitalmarkt. Wolfgang Marzin rechnet mit einem neuen Rekordumsatz nicht vor 2024. English below.


by Urs Seiler | 18. Dezember 2020

Die Messe Frankfurt dürfte aber, trotz und auch wegen Covid, zu einem der Gewinner, wenn es denn solche gibt, der sich abzeichnenden Marktbereinigung im Messegeschäft werden.


Die Messe Frankfurt hat im Geschäftsjahr 2020 einen Verlust in «dreistelliger Millionenhöhe» gemacht, wie am Jahresabschluss-Pressegespräch vom 9. Dezember 2020 bekannt gegeben wurde. Der Begriff «dreistellig» lässt großen Interpretationsspielraum. Und doch, alle Zeichen weisen darauf hin, könnte die Messe Frankfurt zum Gewinner der sich abzeichnenden Marktbereinigung im deutschen Messegeschäft führen. Wer denn sonst?


«Drastische Marktbereinigung steht bevor.»

Strukturveränderung

Detlef Braun, Mitglied der Geschäftsführung der Messe Frankfurt (Bild oben auf der Ambiente, links Topmodel Toni Garrn), prognostizierte am Pressegespräch, dass es jetzt, nach dem durch Corona verursachten Totalstillstand des Messegeschäfts, zu einer drastischen Marktbereinigung kommen wird. Auch viele Marktkenner sprechen davon. «Was wir sehen im internationalen Szenario ist, dass große Veranstalter konsolidieren. Das könnte auch in Deutschland geschehen.» Im Klartext: die stärksten Messeplätze Deutschlands werden Nutznießer der Schwächen der anderen werden, weil den schwächeren das Geld ausgehen wird.


Alle Zeichen weisen darauf hin, dass die Messe Frankfurt zu den Gewinnern des kommenden «Konsolidierungsprozesses» (Originalton Detlef Braun), der in einen Übernahmeprozess münden könnte, gehören wird aus drei Gründen:


Die Messe Frankfurt hat eine umsichtige, charismatische Führung. Im Messe-Vergleich, wir kennen uns da aus, überträgt sich dieses Charisma an ihre Mitarbeitenden und lässt sie nicht im Stich. Das ist ein matchentscheidender Faktor, gerade für den jetzt notwendigen Turnaround. Im 2020 wurden bloß relativ bescheidene 40 der 1000 Stellen in Frankfurt (weltweit sind es 2500 Stellen) ohne Entlassungen abgebaut, im 2021 dürften nochmals 100, allerdings durch natürlich Fluktuation, dazu kommen. Es handelt sich also nicht um eigentliche Entlassungen, sondern um passiven Personalabbau durch Abgänge (Eintritte in den Ruhestand etc.). Frei werdende Stellen werden nicht extern nachbesetzt.



Das waren positive Signale von der leitenden Etage an der Pressekonferenz.


«Stellen abbauen ist nicht besonders kreativ»

«Nach wie vor wollen wir betriebsbedingte Kündigungen vermeiden. Stellen abbauen ist nicht besonders kreativ» sagte Wolfgang Marzin (Bild oben), Vorsitzender der Geschäftsführung an der Pressekonferenz. Das schafft bei der Organisation Messe Frankfurt einen leichten Optimismus, den Wolfgang Marzin am Pressegespräch in Spurenelementen diplomatisch zu kommunizieren versuchte.


Die Führung wird, das wurde an der Pressekonferenz sichtbar, gestützt von den Anteilseignern der Stadt Frankfurt. Oberbürgermeister Peter Feldmann sagte: «Die Frage ist, in was investiert man? Die Messe Frankfurt ist auch im Ausland hocherfolgreich. Das ist es, was die Messe so stark macht, das Image dieser Messe auf der Basis des Handels seit Jahrhunderten.»


Die Messe Frankfurt ist erfolgreich: In den letzten zehn Jahren ist sie umsatzmässig von einem Erfolg zum nächsten geeilt und verkündete praktisch lückenlos Rekordresultate, gipfelnd in einem Konzernumsatz von 736 Millionen Euro im 2019. Sie investiert pro Jahr rund 15 Millionen Euro in Zukäufe. Gemäß Wolfgang Marzin ist es das erklärte Ziel, wieder zu solchen Erfolgszahlen zurück zu kehren.


Trotzdem verursachte die Corona-Pandemie im 2019 den erwähnten dreistelligen Millionenverlust. Er zwang die Messe Frankfurt zu einer Kapitalaufnahme von 250 Millionen Euro – am Kapitalmarkt zu marktüblicher Verzinsung, wie Wolfgang Marzin unterstrich. Was er damit sagen wollte: Nicht von den Anteilseignern der Stadt Frankfurt und des Bundeslands Hessen respektive den Steuerzahlern. Die Messe Frankfurt prognostiziert einen Jahresumsatz im 2020 von nur noch 250 Millionen Euro.


Die Messe Frankfurt baut unbeirrt an der Zukunft. Sie hat im 2020 einen kleinen Coup gelandet mit der Etablierung der Frankfurt Fashion Week vom 5. – 9. Juli 2021. «Die Fashion Week wird stattfinden, wenn nicht etwas Außergewöhnliches passiert», sagte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann an der Pressekonferenz. Vor zwei Wochen wurde die International Consumer Goods Show 2021 lanciert, eine hybride Messe als Kombination von analog und digital. Die Messe Frankfurt schafft laufend neue Messen in In- und Ausland. Jene in China sind besonders erfolgreich.


Aber natürlich wachsen auch bei der Messe Frankfurt die Bäume zur Zeit nicht in den Himmel, wie der dreistellige Millionenverlust belegt. Die Formnext, Messe für additive Fertigung und industriellen 3D-Druck konnte im 2020 nur virtuell durchgeführt werden. «Ein wirtschaftlicher Ersatz ist das auf keinen Fall», sagte Uwe Behm, Geschäftsführer der Messe Frankfurt. Auch die ISH vom 22. – 26. März 2021 wird als rein digitale (sprich: nicht rentable) Veranstaltung stattfinden. Auch die Hypermotion konnte vom 10. bis 12. November nur digital stattfinden.


Von der Leitmesse zur Kontinentalmesse

Die Unsicherheit der Reisetätigkeit ist der entscheidende Faktor, der das Messegeschäft und hier die sogenannten Leitmessen in Deutschland mit jeweils weit über die Hälfte internationaler Aussteller und Besucher restrukturieren dürfte. Rund drei Viertel (!) der Kunden auf der Heimtexil, der Ambiente, Christmasworld und Paperworld kamen bisher von außerhalb Deutschlands. Eine Entspannung sei hier nicht in Sicht, wurde gesagt.


Detlef Braun sagte dazu: «Wir halten permanent unsere Sicherheitskonzepte à jour. Aber wir können nicht genau voraussagen, was mit Covid passieren wird. Messen werden sich verändern, wir werden die internationalen Beteiligungen wahrscheinlich nicht mehr erreichen, wir werden stärker zu kontinentalen Messen zurückkehren.»


Digital: Zauberwort oder Damoklesschwert?

Ein interessanter Diskurs kam zum Thema «digitale Verlängerung» von Messen auf. Wolfgang Marzin sagte, angesprochen auf die Strukturveränderung in der Messewirtschaft, bei der die digitale Transformation eine zentrale Rolle spielt, «es gibt überhaupt keine Anzeichen, dass persönliche Treffen durch Digitalität ersetzt werden. Im Gegenteil, Digitalität ist die Verlängerung der physischen Begegnung. Seit in China wieder Messen möglich sind, interessiert sich überhaupt niemand mehr für Digitalität!» Trotzdem wird jetzt die Nextrade, die digitale Ordermesse für die Home und Livingbranche, coronabedingt auch für die Heimtextil, die Christmasworld und die Paperworld geöffnet. Auch die Heimtextil soll wie vorgesehen stattfinden, nämlich vom 4. – 7. Mai 2021.

Die Wirtschafts-Lokomotive China

Überhaupt China: Wie ein Wunder muss es in Europa anmuten, dass in China seit diesem Herbst bereits wieder Messen (der Messe Frankfurt) auf hohem Niveau stattfinden. Zur Intertextile Apparel kamen 3300 (!) Aussteller und 73'000 BesucherInnen und oder die Guangzhou International Lighting Exhibition im Oktober mit 2000 Ausstellern und über 140'000 (!) BesucherInnen. Die Messe Frankfurt hat in China seit Juli 2020 rund 20 Messen organisiert. «Unser Herzblut schlägt fürs Messe-Machen, nicht fürs Messe-Absagen, sagte Detlef Braun.


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Messe Frankfurt: «Creating, not cancelling fairs»


Messe Frankfurt makes a «three figure» million euro loss and draws 250 million euros at the capital market. Wolfgang Marzin does not expect a new record turnover before 2024.

However, despite and also because of Covid, Messe Frankfurt is likely to be one of the winners, if there are any, of the looming market shakeout in the trade fair business.


Messe Frankfurt makes a «three figure» million euro loss in the 2020 financial year, as announced at the annual press briefing on 9 December 2020. The term «three figure» leaves a lot of room for interpretation. And yet, all signs indicate that Messe Frankfurt could be the winner of the looming market shakeout in the German trade fair business. Who else?


«Drastic market shakeout is imminent»


The structural change

Detlef Braun, Member of the Board of Management of Messe Frankfurt (pictured above at Ambiente, top model Toni Garrn on the left), predicted at the press briefing that now, after the total standstill of the trade fair business caused by Corona, there will be a drastic shake-out of the market. Many market experts are also talking about this. «What we see in the international scenario is that big organisers are consolidating. That could also happen in Germany.» In plain language: Germany's strongest trade fair venues will become beneficiaries of the weaknesses of the others because the weaker ones will run out of money.


All signs indicate that Messe Frankfurt could for three reasons be among the winners of the coming «consolidation process» (original statement by Detlef Braun), which could lead to a takeover process:

Messe Frankfurt has a prudent, charismatic leadership. Compared to other trade fairs operators, this charisma is transmitted to its employees and does not let them down. This is a decisive factor, especially for the turnaround that is now necessary. In 2020, only a relatively modest 40 of the 1,000 jobs in Frankfurt (there are 2,500 jobs worldwide) were cut, but without layoffs; in 2021, another 100 could be added, but through natural fluctuation. These are not actual layoffs, but staff reductions due to departures (retirements, etc.). Vacant positions are not replaced externally. These were positive signals from the top management at the press conference.


«Cutting jobs is not particularly creative.»


«As ever, we want to avoid layoffs for operational reasons. Cutting jobs is not particularly creative» said Wolfgang Marzin (above), Chairman of the Board of Management at the press conference. This creates a slight optimism in the Messe Frankfurt organisation, which Wolfgang Marzin tried to communicate diplomatically in small portions at the press briefing.


The management is supported by the shareholders of the City of Frankfurt, as became apparent at the press conference. Lord Mayor Peter Feldmann said: «The question is, what do you invest in? Messe Frankfurt is also highly successful abroad. That is what makes the fair so strong, the image of this fair based on trade for centuries.»


Messe Frankfurt is successful: in the last ten years, it has gone from one success to the next in terms of sales, announcing record results virtually without interruption, culminating in group sales of € 736 million in 2019. It invests around € 15 million per year in acquisitions. According to Wolfgang Marzin, the declared goal is to return to such successful figures.


Despite, the Corona pandemic caused the aforementioned three figure million loss in 2019. It forced Messe Frankfurt to raise 250 million euros - at the capital market at market interest rates, as Wolfgang Marzin emphasised. What he meant by this: Not from the shareholders of the City of Frankfurt or the Federal State of Hessen, i.e. the taxpayers respectively. Messe Frankfurt forecasts annual sales of only 250 million euros in 2020.


Messe Frankfurt is building its future. It has launched a small coup in 2020 with the establishment of Frankfurt Fashion Week from 5-9 July 2021. «The Fashion Week will take place unless something extraordinary happens», said Frankfurt's mayor Peter Feldmann at the press conference. A fortnight ago, the International Consumer Goods Show 2021 was launched, a hybrid fair as a combination of analogue and digital. Messe Frankfurt is constantly creating new trade fairs at home and abroad. Those in China are particularly successful.


But of course this is no honeymoon period for Messe Frankfurt, as the three-digit million loss proves. Formnext, the trade fair for additive manufacturing and industrial 3D printing, could only be held virtually in 2020. «It is by no means an economic substitute», said Uwe Behm, Managing Director at Messe Frankfurt. ISH from 22 - 26 March 2021 will also be held as a purely digital (read: non-profitable) event. Hypermotion, too, could only take place digitally from 10 to 12 November.


From leading trade fairs to continental trade fairs

The uncertainty of travel is the decisive factor that is likely to restructure the trade fair business and here the so-called leading fairs in Germany, each with well over half international exhibitors and visitors. Around three quarters (!) of the customers at Heimtexil, Ambiente, Christmasworld and Paperworld come from outside Germany. An easing of the travel situation was not in sight, it was said.


Detlef Braun said: «We are constantly keeping our security concepts up to date. But we cannot predict exactly what will happen to Covid. Trade fairs will change, we will probably no longer reach the international participations, we will return more to continental trade fairs.»


Digital: magic word or sword of Damocles?

An interesting discourse arose on the topic of the «digital extension» of trade fairs. Wolfgang Marzin, addressing the structural change in the trade fair industry, in which digital transformation plays a central role, said, «there are no signs at all that face-to-face meetings are being replaced by digitality. On the contrary, digitality is the extension of the physical meeting. Since trade fairs are possible again in China, nobody is interested in digital at all!» Nevertheless, Nextrade, the digital ordering fair for the home and living sector, will now be opened to Heimtextil, Christmasworld and Paperworld due to corona. Heimtextil is also scheduled to take place as planned, namely from 4 - 7 May 2021.

The economic locomotive China

About China: it must seem like a miracle in Europe that since this autumn trade fairs (organised by Messe Frankfurt) have again been taking place in China at a high level. Intertextile Apparel attracted 3300 (!) exhibitors and 73,000 visitors, and the Guangzhou International Lighting Exhibition in October attracted 2000 exhibitors and over 140,000 (!) visitors. Messe Frankfurt has organised around 20 trade fairs in China since July 2020. «Our heart beats for doing trade fairs, not for cancelling them», said Detlef Braun.