XPONENTIAL Düsseldorf: Wie ethisch sind Verteidigungsmessen?
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Das Thema war jahrzehntelang tabu: Die Entscheidung, das Anwendungsfeld Verteidigung auf der XPONENTIAL Europe zu adressieren, hat breite Unterstützung aus der Branche autonomer und unbemannter Technologien, aus dem Aufsichtsrat und der Politik erfahren. Zugleich wurde öffentlich darüber diskutiert, ob und wie Verteidigung auf die Messe gehört. Wolfram N. Diener hat dazu eine klare Position.
von Wolfram N. Diener* || 23. März 2026

Noch vor einem Jahr standen wir vor einer richtungsweisenden Entscheidung: Wir, die Messe Düsseldorf, haben die XPONENTIAL Europe für das Anwendungsfeld Verteidigung geöffnet – und der Aufsichtsrat hat mit großer Mehrheit zugestimmt.
Alles war noch graue Theorie, denn der Fokus der Erstausgabe der europäischen Leitmesse für autonome und unbemannte Systeme lag 2025 noch auf zivilen Anwendungen. Verteidigung war kein ausgewiesener Bestandteil der Messe und wurde weder in der Systematik noch explizit im Programm abgebildet.
In meinem Beitrag „Warum wir anders über Verteidigung sprechen müssen“ habe ich seinerzeit unsere Beweggründe klargemacht. Und wir haben gemeinsam mit unseren Partnern intensiv an der Weiterentwicklung der Messe gearbeitet. Je näher die XPONENTIAL Europe 2026 rückt, desto mehr nimmt auch die öffentliche Aufmerksamkeit zu. Die sicherheitspolitische Lage hat sich zugleich weiter zugespitzt – der Krieg in der Ukraine dauert an, im Nahen Osten ist ein neuer Krieg hinzugekommen.
Einerseits wird immer deutlicher, dass man die Augen vor der kriegerischen Realität nicht verschließen kann, dass Sicherheit und Verteidigung auch in Europa lange vernachlässigte und nun wieder ernstzunehmende Themen sind. Andererseits werden uns eben auch die Schrecken des Krieges vor Augen geführt. Umso wichtiger sind die Fragen: Wie gehen wir als Gesellschaft damit um? Und wie gehen wir als Messe Düsseldorf damit um?
Die Verteidigungsindustrie durchläuft eine tiefgreifende technologische Transformation und benötigt dazu Plattformen für Austausch und Know-how-Transfer
Seit unserer Entscheidung vor gut einem Jahr haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt. Unstrittig waren dabei für uns stets die grundlegenden Fakten: Die Verteidigungsindustrie durchläuft eine tiefgreifende technologische Transformation – angetrieben durch unbemannte und autonome Systeme, Robotik, KI und Cybersicherheit – und benötigt dazu Plattformen für Austausch und Know-how-Transfer. Und mehr denn je gilt auch, dass unbemannte und autonome Systeme heute sehr oft Dual-Use-Technologien sind – die also zivil wie für Verteidigung nutzbar sind. Eine getrennte Betrachtung mag möglich sein, zielführend ist sie jedoch nicht.
Einfluss nehmen und Rahmen setzen
Von Anfang an stand für uns fest, dass wir uns nicht auf die Position des reinen Vernetzers und Plattformgebers zurückziehen. Das würde unserem Anspruch nicht gerecht – und wäre am Ende nicht mehr als die Haltung eines sozialen Mediums, das sich der Verantwortung für Inhalte entzieht.
Anders als ein soziales Medium nehmen wir bewusst Einfluss auf die „Inhalte“ unserer Veranstaltungen. Wir setzen den Rahmen. So leiten wir die Integration des Anwendungsfelds Verteidigung konsequent aus dem Profil der XPONENTIAL Europe ab und übernehmen sehr bewusst Verantwortung – beginnend mit der Tatsache, dass wir das hochrelevante Thema Verteidigung in die Messe integrieren.
Verteidigungsrelevante Themen werden auf der XPONENTIAL Europe eingeordnet, diskutiert und reflektiert
Entscheidend ist zudem das Wie: Ein interdisziplinär besetzter Beirat aus Wissenschaft, Industrie, Verbänden und Institutionen unterstützt uns bei der fachlichen Einordnung und Qualitätssicherung. Verteidigungsrelevante Themen werden auf der XPONENTIAL Europe eingeordnet, diskutiert und reflektiert. Hier sticht insbesondere das umfassende Konferenzprogramm hervor – unter anderem mit Keynotes zu europäischer Sicherheitsarchitektur, Souveränität, Dual-Use und internationaler Zusammenarbeit.
Wir hätten uns vor einem Jahr auch dafür entscheiden können, die XPONENTIAL Europe unverändert zu lassen. Ein solcher Schritt hätte jedoch die Realität technologischer und geopolitischer Entwicklungen ausgeblendet. Aussteller und Besucher hätten uns ganz sicher kritisiert, weil sie darin eine künstliche Beschneidung der Technologiemesse gesehen hätten. Dem Wirtschaftsstandort Düsseldorf hätte es ebenfalls geschadet. Mit der erweiterten XPONENTIAL Europe schärfen wir das Profil Düsseldorfs: als verantwortungsvoller, transparenter Standort für Einordnung und Dialog in der Zeitenwende.
Das Feedback aus Industrie und Politik spricht für sich: Die Zahl der ausstellenden Unternehmen und Institutionen hat sich mit 360 im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt. Auch die politische Präsenz ist hochrangig. Sie reicht von der Schirmherrschaft durch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder über die strategische Partnerschaft mit der Bundeswehr bis hin zu zahlreichen Besuchen auf Spitzenebene: etwa von Sergiy Boyev, dem stellvertretenden Verteidigungsminister der Ukraine, der NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, NRW-Europaminister Nathanael Liminski, dem britischen Botschafter Andrew Mitchell CMG sowie Christoph Heusgen, bis vor einem Jahr Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz.
Vor einem Jahr habe ich meinen Beitrag überschrieben mit „Warum wir anders über Verteidigung sprechen müssen“. Diese Headline würde ich heute umformulieren in „Warum wir über Verteidigung sprechen müssen“.
Der Grund: Ich sehe diese XPONENTIAL Europe nicht nur als Plattform für Produzenten und Anwender, für Geschäftsanbahnung und fachlichen Diskurs. Sie soll vielmehr auch Einladung zum gesellschaftlichen Dialog über Verteidigung generell sein. Denn dieser ist besser als jede Frontenbildung.
Bilder: XPONENTIAL Europe 2025. Foto: Messe Düsseldorf/Constanze Tillmann
*Wolfram N. Diener ist President und CEO der Messe Düsseldorf Group.
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